Barrierefreies Bauen wird häufig vorschnell mit hohen Zusatzkosten verbunden. Dabei entstehen viele bauliche Barrieren nicht durch den Verzicht auf teure Spezialtechnik. Häufig sind wenige Zentimeter, eine ungünstige Position oder eine zu spät getroffene Entscheidung das eigentliche Problem.
Eine breitere Tür, ein richtig positionierter Lichtschalter oder ein kontrastreich gestalteter Eingang verursachen bei einer frühzeitigen Planung oft keine oder nur geringe Mehrkosten. Müssen dagegen Wände versetzt, Leitungen neu verlegt, Abdichtungen geöffnet oder fertige Oberflächen wieder entfernt werden, wird die Korrektur aufwendig.
Dieser Beitrag zeigt typische Planungsfehler, die sich beim Neubau oder bei einer umfassenden Sanierung von Anfang an vermeiden lassen.
Ist barrierefreies Bauen wirklich ohne Mehrkosten möglich?
Die pauschale Aussage, Barrierefreiheit koste grundsätzlich nichts, wäre nicht seriös. Ein Aufzug, eine automatische Tür oder eine induktive Höranlage sind reale Kostenpositionen. Entscheidend ist jedoch, zwischen zusätzlicher Ausstattung und grundlegenden Planungsentscheidungen zu unterscheiden.
Nahezu kostenneutral oder mit geringen Mehrkosten verbunden sind häufig:
- ausreichende Türbreiten,
- passende Bewegungsflächen,
- erreichbare Bedienhöhen,
- eine verständliche Wegeführung,
- kontrastreiche Farben und Materialien,
- die richtige Position von Anschlüssen und Bedienelementen,
- konstruktive Vorbereitungen für eine spätere Anpassung.
Diese Punkte kosten vor allem Aufmerksamkeit und Koordination. Werden sie übersehen, betreffen spätere Änderungen oft mehrere Gewerke gleichzeitig. Genau deshalb sollte Barrierefreiheit nicht erst bei der Abnahme geprüft werden, sondern als durchgängiges Planungsziel von der Bedarfsermittlung bis zur Nutzung verfolgt werden.
15 häufige Planungsfehler beim barrierefreien Bauen
1. Einzelne Stufen und Schwellen am Gebäudeeingang
Eine einzelne Stufe vor dem Eingang wirkt unscheinbar, kann aber eine unüberwindbare Barriere sein. Das gilt für Menschen im Rollstuhl ebenso wie für Personen mit Rollator, Kinderwagen oder schwerem Gepäck.
Wenn Gebäudehöhe, Außenanlagen und Entwässerung früh aufeinander abgestimmt werden, lässt sich der Haupteingang häufig stufenlos ausführen. Eine nachträglich angesetzte Rampe benötigt dagegen Platz, muss ein geeignetes Gefälle einhalten und wirkt gestalterisch oft wie eine Behelfslösung.
Früh berücksichtigen: Höhenplanung, Gefälle, Entwässerung und schwellenlose Eingangstür gemeinsam planen.
2. Zu schmale Türen und Durchgänge
Bei einer Tür zählt nicht das Rohbaumaß, sondern die tatsächlich nutzbare lichte Durchgangsbreite. Türblatt, Zarge und Beschläge können den freien Durchgang verkleinern. Auch eine ausreichend breite Tür hilft wenig, wenn sie durch Möbel, Heizkörper oder einen ungünstig positionierten Türgriff nicht gut erreichbar ist.
Wird die notwendige Breite erst nach Fertigstellung festgestellt, können Änderungen an Wand, Zarge, Bodenbelag, Elektrik und Brandschutz notwendig werden.
Früh berücksichtigen: Lichte Durchgangsbreite, Öffnungsrichtung und Anfahrbarkeit zusammen prüfen.
3. Fehlende Bewegungsflächen vor Türen
Ein verbreiteter Fehler ist die alleinige Prüfung der Türbreite. Menschen mit Rollstuhl oder Rollator benötigen zusätzlich Platz, um an eine Tür heranzufahren, den Griff zu erreichen und dem öffnenden Türblatt auszuweichen.
Besonders problematisch sind kleine Windfänge, enge Flure und Türen unmittelbar neben einer Wand. Fehlt seitlich neben dem Türgriff ausreichend Platz, kann eine normgerecht breite Tür trotzdem nicht selbstständig bedient werden.
Früh berücksichtigen: Bewegungsflächen in den Grundriss einzeichnen und während der Möblierungsplanung freihalten.
4. Ungeeignete Schiebetüren und schwere Drehflügeltüren
Schiebetüren sind nicht grundsätzlich eine Barriere. Sie können sogar vorteilhaft sein, weil kein Türflügel in die Bewegungsfläche ragt. Problematisch werden sie durch hohe Bedienkräfte, eingelassene Griffmuscheln oder fehlende seitliche Anfahrflächen.
Auch schwere Drehflügeltüren können die selbstständige Nutzung verhindern. Das betrifft häufig Eingangs-, Brand- und Rauchschutztüren.
Früh berücksichtigen: Bedienkräfte, Griffgestaltung, Schließmechanismus und gegebenenfalls eine automatische Unterstützung bereits bei der Produktauswahl prüfen.
5. Bewegungsflächen werden später zugestellt
Auf dem Bauplan kann ein Raum barrierefrei aussehen und im Betrieb trotzdem unzugänglich werden. Empfangsmöbel, Prospektständer, Pflanzen, Garderoben oder zusätzliche Sitzplätze verengen häufig die vorgesehenen Wege und Wendeflächen.
Früh berücksichtigen: Barrierefreiheit nicht nur am leeren Grundriss prüfen. Auch Möblierung, Reinigung, Warenpräsentation und typische Nutzungssituationen gehören in die Planung.
6. Bodengleiche Duschen werden nicht konstruktiv vorbereitet
Eine bodengleiche Dusche lässt sich im Neubau meist gut in den Bodenaufbau integrieren. Wird sie erst später gewünscht, müssen möglicherweise Estrich, Abdichtung, Leitungen und Fliesen verändert werden.
Neben der Schwellenfreiheit sind auch das Gefälle, der Ablauf und die Bewegungsfläche entscheidend. Eine bodengleiche Dusche ist nicht automatisch barrierefrei, wenn sie zu klein oder schlecht erreichbar ist.
Früh berücksichtigen: Bodenaufbau, Entwässerung, Abdichtung und Bewegungsfläche gemeinsam planen.
7. Fehlende Wandverstärkungen für Haltegriffe
Haltegriffe müssen sicher befestigt werden können. Bei leichten Trennwänden reicht eine spätere Montage ohne geeignete Unterkonstruktion häufig nicht aus. Werden Verstärkungen während des Innenausbaus vorgesehen, ist der zusätzliche Aufwand gering. Eine spätere Nachrüstung kann das Öffnen und erneute Verkleiden der Wand erfordern.
Früh berücksichtigen: Geeignete Befestigungsflächen an WC, Dusche und Badewanne vorbereiten, auch wenn Haltegriffe zunächst noch nicht montiert werden.
8. Waschtische, Spiegel und Armaturen sind nicht nutzbar
Ein Waschtisch kann optisch ansprechend und trotzdem schwer erreichbar sein. Unterschränke, Verkleidungen und ungünstig geführte Leitungen verhindern die Unterfahrbarkeit. Spiegel beginnen häufig zu hoch und Armaturen liegen außerhalb des gut erreichbaren Bereichs.
Früh berücksichtigen: Waschtisch, Leitungsführung, Beinfreiheit, Spiegel und Armatur als zusammengehörigen Nutzungsbereich planen.
9. Schalter und Bedienelemente sitzen an der falschen Stelle
Lichtschalter, Steckdosen, Thermostate, Klingeln und Kartenleser werden oft nach einem einheitlichen Raster montiert. Dabei wird übersehen, ob sie tatsächlich erreichbar und seitlich anfahrbar sind. Ein Schalter in einer engen Ecke kann trotz passender Höhe unbedienbar sein.
Das spätere Versetzen verursacht Elektroarbeiten und beschädigt bereits fertige Wandoberflächen.
Früh berücksichtigen: Höhe, seitlichen Abstand und freie Anfahrfläche gemeinsam festlegen.
10. Fenstergriffe sind nicht erreichbar
Hoch angeordnete Fenstergriffe oder tiefe Fensterbänke können die selbstständige Bedienung verhindern. Häufig wird dieses Problem erst bemerkt, wenn Fenster und Innenausbau bereits fertiggestellt sind.
Früh berücksichtigen: Griffhöhe, Öffnungsart und Bedienkraft in die Auswahl der Fenster einbeziehen.
11. Treppen sind visuell und taktil schlecht erkennbar
Treppen werden häufig nur geometrisch betrachtet. Für Menschen mit Sehbehinderungen sind zusätzlich gut erkennbare Stufenkanten, eine blendfreie Beleuchtung und durchgehende Handläufe wichtig. Unregelmäßige Stufen oder gestalterisch kaum erkennbare Treppenanfänge erhöhen das Sturzrisiko.
Früh berücksichtigen: Stufengeometrie, Kontraste, Beleuchtung und Handläufe als gemeinsames Sicherheitskonzept planen.
12. Glastüren und Glaswände bleiben unsichtbar
Großflächige Verglasungen gehören zu vielen modernen Gebäuden. Ohne deutlich erkennbare Sicherheitsmarkierungen können Glastüren und Glaswände jedoch zur Kollisionsgefahr werden. Dezente Logos oder einzelne kleine Aufkleber reichen häufig nicht aus.
Früh berücksichtigen: Kontrastreiche Markierungen auf unterschiedlichen Sichthöhen in das Gestaltungskonzept integrieren.
13. Zu geringe Kontraste erschweren die Orientierung
Wenn Türen, Wände, Böden und Bedienelemente farblich kaum unterscheidbar sind, wird die Orientierung für Menschen mit Sehbehinderungen unnötig erschwert. Dabei ist eine kontrastreiche Material- und Farbauswahl meist keine Frage des Budgets.
Besonders wichtig sind erkennbare Eingänge, Türen, Türgriffe, Treppen, Sanitärgegenstände und Bedienelemente. Farbe sollte dabei nicht das einzige Unterscheidungsmerkmal sein.
Früh berücksichtigen: Visuelle Kontraste bereits bei der Bemusterung verbindlich prüfen und dokumentieren.
14. Akustik wird erst nach der Eröffnung bewertet
Hallige Empfangsbereiche, Besprechungsräume oder Veranstaltungsflächen erschweren die Kommunikation. Das betrifft insbesondere schwerhörige Menschen, aber auch Personen mit Konzentrationsproblemen oder einer anderen Erstsprache.
Schallabsorbierende Decken und Wandflächen lassen sich früh in das Raumkonzept integrieren. Eine nachträgliche akustische Sanierung ist häufig aufwendiger und gestalterisch schwieriger.
Früh berücksichtigen: Raumakustik, Haustechnik und Möblierung bereits in der Ausführungsplanung aufeinander abstimmen.
15. Informationen und Alarme sprechen nur einen Sinn an
Eine ausschließlich akustische Alarmierung ist für gehörlose Menschen nicht wahrnehmbar. Rein visuelle Anzeigen erreichen blinde Menschen nicht. Auch Aufzugnotrufe und Gegensprechanlagen benötigen eine verständliche Rückmeldung über mehr als einen Wahrnehmungskanal.
Nachträgliche Ergänzungen können neue Leitungen, Geräte und Eingriffe in die Gebäudeautomation erfordern.
Früh berücksichtigen: Informationen, Warnungen und Rückmeldungen nach dem Zwei-Sinne-Prinzip planen.
Barrierefreiheit ist eine durchgängige Nutzungskette
Eine einzelne barrierefreie Toilette macht noch kein barrierefreies Gebäude. Entscheidend ist, ob Menschen das Gebäude erreichen, den Eingang finden, die Tür bedienen, sich orientieren und die vorgesehenen Angebote selbstständig nutzen können.
Die Nutzungskette kann beispielsweise so aussehen:
- barrierefreier Stellplatz oder erreichbare Haltestelle,
- stufenloser und sicherer Außenweg,
- auffindbarer und bedienbarer Haupteingang,
- ausreichende Verkehrs- und Bewegungsflächen,
- verständliche visuelle, taktile und akustische Orientierung,
- selbstständig nutzbare Räume und Sanitäreinrichtungen,
- zugängliche Rettungs- und Alarmierungskonzepte.
Schon eine einzige Unterbrechung kann dazu führen, dass ein Angebot insgesamt nicht selbstständig nutzbar ist.
Wie lassen sich teure Fehler vermeiden?
Der aktuelle Leitfaden Barrierefreies Bauen 2.0 des Bundes empfiehlt ein systematisches Konzept Barrierefreiheit. Darin werden die Anforderungen früh festgelegt, über die Planungsphasen hinweg dokumentiert und bei Änderungen erneut geprüft.
Für die Praxis sind insbesondere folgende Schritte sinnvoll:
- Nutzungsanforderungen bereits vor der Grundrissplanung klären,
- barrierefreie Wegeketten vollständig darstellen,
- Bewegungsflächen sichtbar in Pläne eintragen,
- Barrierefreiheit in Ausschreibungen und Bemusterungen konkret benennen,
- Schnittstellen zwischen Architektur, Außenanlagen, Haustechnik und Innenausbau prüfen,
- Betroffene Menschen und Fachleute frühzeitig beteiligen,
- die Ausführung auf der Baustelle kontrollieren,
- auch Möblierung und späteren Betrieb einbeziehen.
Maßgeblich sind je nach Gebäudeart und Bundesland insbesondere die jeweilige Landesbauordnung, die eingeführten Technischen Baubestimmungen sowie die einschlägigen Normen. Für öffentlich zugängliche Gebäude ist vor allem die DIN 18040-1 relevant, für Wohnungen die DIN 18040-2 und für den öffentlichen Verkehrs- und Freiraum die DIN 18040-3.
Fazit: Gute Planung verhindert teure Barrieren
Die teuersten Barrieren entstehen häufig nicht durch fehlende Spezialtechnik. Sie entstehen durch falsche Maße, ungünstige Positionen und nicht abgestimmte Planungsentscheidungen.
Wer Barrierefreiheit von Beginn an als Qualitätsmerkmal versteht, schafft Gebäude, die von mehr Menschen sicher, verständlich und selbstständig genutzt werden können. Gleichzeitig sinkt das Risiko, fertige Bauteile später wieder öffnen, versetzen oder ersetzen zu müssen.
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